JAHRESBERICHT 2022
Psychologie

Patricia Müller
Therapeutische Leitung und Psychologin:
Bloss wieder raus hier?
«Und jetzt, ziehen Sie mich aus dem Bett? Nehmen Sie mir die Decke weg, wenn ich nicht mache, was Sie wollen?», waren die ersten Fragen, welche Felix an mich richtete
Meine Antwort, dass er ja offensichtlich nicht fähig sei, in die Tagesstruktur einzusteigen, und ich ihn deshalb so lange wie nötig krankschreibe, hat ihn zuerst einmal irritiert. Der nächste Test folgte sofort: «Das dauert mindestens zwei Wochen!» «In Ordnung», habe ich geantwortet, «ich schreibe dich für mindestens zwei Wochen krank. Voraussetzung ist, dass ich dich zweimal täglich im Zimmer besuche. Wir können uns unterhalten oder ich setze mich einfach zu dir und arbeite hier ruhig etwas.» «Und wenn es drei Wochen dauert?» «Dann dauert es eben drei Wochen.» Am vierten Tag ist Felix aufgestanden und hat begonnen, an der Tagesstruktur teilzunehmen. Von null auf hundert, mit einer unglaublichen Anpassungsleistung. Er versuchte, alle zu überzeugen, dass es ihm gut geht. Bloss schnell wieder raus hier, schien seine unausgesprochene Devise zu sein. Nach ein paar Wochen folgte dann der lange erwartete, heftige Zusammenbruch – und die Zusammenarbeit begann. Die Arbeit war aufwendig und kräftezehrend. Aber Felix war bereit, an seinen Themen zu arbeiten, wenn auch mit viel Ungeduld. Die Dämme schienen gebrochen, jetzt sollte es vorwärts gehen. Oft verlor Felix den Mut, musste aufgebaut und getragen werden und zeigte dann wieder unglaubliche Leistungen und Leistungsansprüche, mit denen er sich wiederum selber sabotierte. Nach einem Hoch folgte unweigerlich ein viel längeres Tief, Rückfälle in alte Verhaltensmuster, Ängste, Depressionen, Suizidalität. Nichts war im Gleichgewicht.
Felix begann die stationäre Behandlung bei uns in einem emotional hoch belasteten und aufgewühlten Zustand. Die Beziehungsaufnahme war anspruchsvoll und zeitaufwendig, die Therapie intensiv. Aber Felix war bereit. Er hat gekämpft. Er hat gelernt, Unterstützung anzunehmen und später auch einzufordern. Er zeigte wieder vermehrt Interesse, Eigeninitiative und Antrieb. Adoleszentäre Entwicklungsaufgaben irritierten Felix nach wie vor stark, aber die vielmonatige intensive Mehrebenentherapie führte zu einer Stabilisierung auf einem seit Langem unerreichten Niveau. Nach einem achtmonatigen stationären Aufenthalt erreichte Felix sein erstes Ziel: Endlich raus hier!
Sozialpädagogik

Roger Reichle
Sozialpädagoge und Stv. Leiter Jobassessment:
Morgendliches Aufstehen als Herausforderung.
Der Einstieg ins Wohntraining gelang Felix so weit ganz gut. Die erweiterte Selbstständigkeit wurde auch von vielen Freiheiten begleitet. Allerdings auch von Pflichten.
Pflichten wie beispielsweise die Organisation der Hausarbeit, Korrespondenz mit den verschiedenen Versorgern, Behörden, Krankenkassen, aber auch das selbstständige Verwalten und Einhalten des persönlichen Budgets.
Felix war schon vor dem Eintritt ins Wohntraining weitestgehend selbstständig, was seinen Alltag betraf. Er holte sich für die ungewohnten Arbeiten wie zum Beispiel Korrespondenz mit der Krankenkasse Hilfestellung von den Mitarbeitenden.
Allerdings war das morgendliche Aufstehen und pünktliche Erscheinen am Arbeitsplatz immer wieder Thema. Belastungen aus dem Alltag, insbesondere in der Zeit, als Felix auf der Suche nach einer Lehrstelle war, liessen ihn abends kaum einschlafen. Dadurch fiel ihm das Aufstehen schwer. Selbst Anrufe auf sein Handy weckten ihn nicht auf. Als diese Schwierigkeit andauerte, entschieden wir uns zusammen mit Felix für eine zeitlich begrenzte Rückkehr auf seine ehemalige Wohngruppe – nicht im Sinne einer Bestrafung, sondern zur Unterstützung. So konnte die Ressource der Wohngruppen mit den Mitarbeitenden, die 24/7 vor Ort sind, genutzt werden, um der schleichenden Tag-Nacht-Umkehr Einhalt zu gebieten. Dieses Vorgehen trug schnell Früchte und er konnte nach kurzer Zeit wieder ins Wohntraining zurückkehren. Dort war er ein wichtiges und prägendes Mitglied der Gruppe. Seine reflektierte und reife Art zu diskutieren oder Streitigkeiten beizulegen, kam bei allen WG-Mitbewohnern und WG-Mitarbeitenden gut an.
Sozialpädagogik

Sarah Spichtig
Sozialpädagogin und Stv. Abteilungsleiterin:
«Ich bin ein Versager!»
«Ich gehöre nicht hierher, ich bin hier falsch, mir kann eh niemand helfen! Ich erreiche meine Ziele sowieso nie! Ich bin ein Versager!» So lautete das Einstiegsmantra von Felix.
Den Einstieg im AHA, den Arbeitsbereich, welchen alle Jugendliche zuerst durchlaufen, verweigerte er komplett. Er wolle in Zukunft nicht mit den Händen arbeiten und das bisschen Basteln da nütze ihm eh nichts.
Dass der Aufenthalt in der Modellstation SOMOSA nichts bringe, dazu hatten wir eine andere Meinung. Auf seinen Wunsch, in einem anderen Arbeitsbereich zu beginnen, sind wir jedoch eingegangen. So durfte Felix nach einigen Tagen Komplettrückzug in sein Zimmer den ersten Arbeitstag direkt in seinem Wunscharbeitsbereich anfangen. Da gab es Computer, da fühlte er sich wohler.
Dadurch, dass wir die Bedürfnisse von Felix in den Vordergrund gestellt und unsere Strukturen dementsprechend angepasst haben, hatten wir bei ihm den ersten Fuss in der Türe. «Vielleicht hören die Leute hier mir ja doch zu?» Der erste Schritt Richtung Vertrauensaufbau war gemacht. Vertrauen in die Mitarbeitenden zu fassen, gelang Felix dann erstaunlich schnell, denn diese waren zuverlässig und berechenbar. Vertrauen in die anderen Jugendlichen zu finden und Beziehungen einzugehen, war jedoch deutlich schwieriger. «Wie gehe ich auf die zu? So ein Kindergarten hier! Die kommen ja aus einer komplett anderen Welt! Werden sie mich aufnehmen? Werden sie mich so akzeptieren, wie ich bin, oder werden sie mich abweisen?»
Nach einem schwierigen Start entwickelte sich Felix im Lauf des Aufenthaltes von einem Jugendlichen, der in der Pause alleine herumstand oder sich nur mit den Mitarbeitenden unterhielt, zu einem Leader der Wohngruppe, welcher an Gruppensitzungen das Wort übernahm, Änderungsvorschläge einbrachte, Kritik anbrachte und auch immer wieder einen regulierenden Einfluss auf die Gruppe ausübte, wenn die Stimmung zu kippen drohte. Ein riesiges Erfolgserlebnis! Felix ist ein intelligenter Jugendlicher mit vielen Ressourcen, das war von Anfang an klar. Und doch hat er sich seine Ziele jeweils so hochgesteckt, dass er nur daran scheitern konnte. Während der Zeit in der Modellstation SOMOSA lernte Felix, auf seine Ressourcen zurückzugreifen, für ihn erreichbare Ziele zu setzen, Kompromisse einzugehen und Nichtperfektes nicht als Versagen zu werten. Mit jedem kleinen Erfolgserlebnis konnte er sich einen Schritt weiter von seinem Glaubenssatz «ich bin ein Versager» entfernen. Als Felix von der Wohngruppe ins Wohntraining wechselt, hatte er ein klares Ziel: Er wusste genau, in welcher Stadt er im Sommer mit welcher Lehre beginnen möchte.
Als Felix vor Kurzem auf einen Besuch in der WG vorbeikam, setzte er sich zur Gruppe und trank einen Kaffee mit. An einen Jugendlichen gerichtet, der den Aufenthalt hier gerade als sehr sinnlos empfand, sagte er: «Weisst du, mir ging es bei meinem Eintritt genauso. Ich wollte nicht hier sein und ich war überzeugt, dass mir der Aufenthalt in der Modellstation SOMOSA überhaupt nichts bringt. Aber ehrlich gesagt, am Ende habe ich eben doch viel profitiert.»
Sozialpädagogik

Stefan Lienhard
Sozialpädagoge Jobassessment:
Felix, der Experte.
Ein klassischer «SOMOSA-Jugendlicher» war Felix nicht. Gut gekleidet, gepflegt, relativ erfolgreiche Schul- laufbahn, intaktes Familiensystem. «Da gibt es Fälle mit schlechteren Voraussetzungen», war mein erster Gedanke. Und so ganz falsch lag ich damit nicht.
Felix hat ein sehr hohes Potenzial in verschiedenen Bereichen. Er selbst hatte das aber vergessen. Übrig war ein Jugendlicher, dem das verlorene Selbstbewusstsein förmlich ins Gesicht geschrieben stand. Als ich ihn das erste Mal sah, fiel mir sofort seine tiefe Traurigkeit und die Resignation ins Auge. Auch durch positive und motivierende Worte war er kein bisschen aufzuheitern. Er hatte sich komplett aufgegeben.
Die erste Phase der Arbeit mit Felix spielte sich fast ausschliesslich auf der Beziehungsebene ab. Wir wollten ihm zeigen, dass er für die Gruppe und für alle um ihn herum wertvoll war. Dass wir uns freuen, dass er ein Teil unseres Teams ist und dass er gut ist, wie er ist. Das schien Felix zu spüren und er schaffte es langsam, innerhalb des kleinen Rahmens bei der Arbeit Selbstvertrauen zurückzugewinnen. Man konnte förmlich zusehen, wie sich sein gesenkter Kopf fast täglich ein bisschen mehr nach oben reckte.
Aus der zunehmend stabileren Beziehung heraus konnte sich Felix schrittweise mehr für agogische Prozesse öffnen. Felix zeigte viel Begeisterung und arbeitete sich sehr schnell in ihm unbekannte Maschinen ein und setzte sich mit anspruchsvollen Arbeitsprozessen auseinander. Felix lernte das Programmieren, das Designen von komplexen 3D-Modellen, das technische Zeichnen mit CAD und den professionellen Umgang mit dem Lasercutter. Alles Arbeitsinhalte, welche das normale Skill-Level überstiegen.
Es fiel uns zunehmend schwerer, Felix adäquat innerhalb seiner Gruppe zu beschäftigen, weil er ein deutlich höheres Leistungsniveau als der Durchschnitt hatte. So kam uns die Idee, dass wir Felix zum Experten machten. Wir überliessen ihm die Verantwortung für einige Bereiche. Für die Jugendlichen war er Ansprechpartner und er unterstützte sie in ihren Arbeitsprozessen. So konnte Felix weiter seinen Wert in der Gruppe erkennen und gleichzeitig seine Selbstzweifel durch Selbstwirksamkeit ersetzen. Nach ein paar Monaten konzentrierte sich die Arbeit in der Tagesstruktur zunehmend auf die Zeit nach der SOMOSA.
Der Wunsch von Felix war eine Ausbildung im IT-Bereich. Obwohl Felix mittlerweile im Rahmen unserer Tagesstruktur recht stabil und leistungsfähig war, kam diese Phase einem erneuten Erleben der negativen Gefühle gleich. Die Angst, die Erwartungen an einem neuen Ort nicht zu erfüllen, belastete ihn sehr. Jeden Schnuppereinsatz gleisten wir sehr sorgfältig auf. Wir besichtigten den Ort schon vor dem Termin, spielten verschiedene Szenarien durch und begleiteten den jungen Mann sozusagen bis zur Tür. Er schnupperte mit guten Leistungen an vier Orten. Der Lohn war eine Ausbildungsstelle zum ICT-Fachmann EFZ, also der Beruf, welchen sich Felix wünschte. So gerade und einfach, wie dieser Weg in der Nachbetrachtung nun klingt, war er allerdings nicht. Der positive und erfolgreiche Verlauf verlief in Wellenbewegungen. Es gab Tage und Wochen, in denen Felix keine Energie hatte, in den Tag zu starten. Tage voller Selbstzweifel und mit dem Wunsch, alles hinzuschmeissen. Trotzdem lernte Felix, sich zunehmend besser durch diese Täler zu manövrieren. Am Ende schaffte es Felix, seine Ziele zu erreichen. Auch heute noch besucht er uns hin und wieder, um einen Kaffee mit uns zu trinken.